Kommunikation statt Konflikt

von Katja Schäfer / 22.03.2010

Das MediationsZentrum Berlin in Tiergarten vermittelt bei Streitigkeiten in der Nachbarschaft

Wenn zwei sich streiten, freut sich meist keiner von beiden. Ein Konflikt mit Nachbarn oder in der Familie ist eine belastende Situation für die Betroffenen, vor allem, wenn er sich über eine längere Zeit hin zieht. Das MediationsZentrum Berlin e.V. in Tiergarten ist spezialisiert auf Nachbarschafts-, Stadtteil- und Gemeinwesenmediation und bietet Streitschlichtung und Vermittlung in Konflikten für alle im Kiez und darüber hinaus an. 

Von oben tönt die Tuba, unten schreit das Kind, und nebenan probiert der Nachbar seine neue Stereoanlage aus. Kaum einer, der sich nicht schon einmal über die Lautstärke seiner Nachbarn geärgert hätte. Meist reichen ein paar Worte, um die Situation zu klären. Doch in manchen Fällen eskaliert das Lärmproblem zu einem handfesten Konflikt. Sei es, weil sich der Betroffene nicht traut, etwas zu sagen, und dann eines Tages beim Treffen im Treppenhaus die angestaute Wut am ahnungslosen Nachbarn auslässt. Oder von einem Tag auf den anderen nicht mehr grüßt. 

Eskaliert ein Streit so weit, dass eine Kommunikation zwischen den Parteien unmöglich wird, ist dies ein Fall für das MediationsZentrum Berlin in Tiergarten. Das 2001 von der Mediatorin und Pädagogin Dr. Christa Schäfer ins Leben gerufene Projekt bietet Mediation und Vermittlung im Konfliktfall an. „Nachbarschaftsmediation oder Stadtteilmediation bearbeitet die Konflikte, die im Stadtteil auftreten“, sagt Christa Schäfer. Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen vom Mediationszentrum vermitteln ehrenamtlich bei Streitfällen. Die Streitigkeiten drehen sich oft um ähnliche Themen wie Lautstärke und Kinderlärm; es wenden sich aber auch Familien mit internen Problemen an das Mediatorenteam.

Der erste Kontakt findet fast immer mit nur einer der beiden Streitparteien statt. „Zu uns kommen ja meistens die Fälle erst dann, wenn die Leute nur noch ungern miteinander sprechen. Wenn sich das Ganze so festgefahren hat, dass für sie keine Lösung mehr im Kopf existiert“, meint Schäfer. So wie ein älterer Herr, der über einer Familie mit Kind wohnte, die sehr viel Besuch bekam. Er wandte sich an das Mediationszentrum und klagte über das viele Kindergeschrei, das Knallen der Türen und den Lärm durch die zahlreichen Gäste in der Wohnung unter ihm. Nach Rücksprache mit der Familie war diese bereit, sich mit dem Herrn und zwei Mediatoren zusammenzusetzen. „Das ist schon mal die erste Hürde, wenn die beiden zusammen sitzen, dann ist schon mal das meiste gewonnen“, sagt Christa Schäfer. Denn wenn die Streithähne sich erst einmal auf neutralem Boden gegenübersitzen, ist ein Scheitern der Mediation sehr unwahrscheinlich.
 
Mediatoren lenken das Gespräch, geben aber keine Lösungsvorschläge
 
Oft braucht es allerdings viel Geduld, bis die zweite Streitpartei bereit ist, sich darauf einzulassen, so Schäfer: „Manchmal ist es da für ein ehrenamtliches Engagement recht schwierig, am Ball zu bleiben“. Das Mediationszentrum ist nur eins von vielen Projekten der promovierten Pädagogin; sie arbeitet im Mediationsbereich unter anderem in der Lehrerbildung, bietet Workshops und Mediationskurse für Schüler und Erwachsene an.
 
Sind beide Streitparteien zu einem Treffen bereit, finden diese in den hellen Räumen des Mediationszentrums in der Dennewitzstraße statt. Zu Beginn des Gesprächs werden von den Mediatoren erst einmal die Regeln besprochen. Das Gegenüber ausreden lassen, keine beleidigenden Äußerungen – einfache Dinge, die für das Gelingen der Mediation aber sehr wichtig sind. „Es ist ja auch nicht unbedingt so, dass die Leute gerne zu uns kommen, und sich darauf freuen. Sondern wenn sie kommen, dann sind die Mundwinkel runtergezogen, und die Gesichter sind sehr ernst und getragen“, erzählt Christa Schäfer.
 
Da während der Sitzung auch Gefühle hochkommen, kann es schon mal laut werden, oder Taschentücher werden gebraucht. Oft stecken hinter dem genannten Problem auch noch andere Dinge, die man zum Vorschein bringen muss. „In der Fachsprache sagen wir, wir schauen unter den Eisberg“, so Schäfer. Erst wenn auch Emotionen ausgetauscht wurden, sind die Parteien bereit, gemeinsam nach einer Lösung zu suchen. Je nach Komplexität und Emotionalität des Konflikts kann das eine oder mehrere Sitzungen dauern.
 
Die Mediatoren übernehmen dabei die Lenkung des Gesprächs und wachen über die Einhaltung der Regeln, geben aber keine Lösungsvorschläge. „Wir sagen, die beiden Streitparteien, das sind die Experten für ihren Streit und für ihr Leben, und natürlich auch für ihre Lösung“, erklärt Christa Schäfer.Während der Mediation ändern sich die Sichtweisen der Parteien. Man erfährt, wie der andere sich dabei fühlt, und beginnt, den Konflikt von einer anderen Seite zu betrachten, Verständnis für die Lage des anderen zu entwickeln. „Wir sind der Wendepunkt“, so Schäfer.
 
Wenn das Eis zwischen den Streitenden zu schmelzen beginnt, merken das die Mediatoren an deren Verhalten. Langsam wird wieder ein Gespräch zwischen den ehemaligen Streitparteien möglich, sie schauen sich gegenseitig an, hören sich aufmerksam zu und sprechen sich direkt an. Und suchen gemeinsam nach Möglichkeiten, wie sie beide in Zukunft ihr Verhalten ändern können, um den Konflikt nicht wieder aufleben zu lassen.
 
Mediation macht Kommunikation wieder möglich
 
Die Vereinbarungen werden per Handschlag besiegelt, und die Erfahrung zeigt, dass die Erfolgsquote sehr hoch ist. Nicht, weil dann alle Probleme aus der Welt geschafft sind, sondern weil eine Kommunikation zwischen den Parteien wieder möglich ist. „Wenn erst mal etwas in Gang gekommen ist, dann sprechen die beiden ja auch wieder miteinander. Dann sind die Dinge auch wieder zwischen den beiden zu klären“, so Schäfer. Nach einer beendeten Vermittlung freut sich auch die Mediatorin: „Man merkt dann, wie dieser Ballast von ihnen abfällt. Wie sie dann wieder leichteren Herzens rausgehen, das ist etwas Schönes“.
 
Im Fall der Familie und des älteren Herrn war die Sache schon nach nur einer Sitzung geregelt. Es wurde vereinbart, dass die Familie Bescheid gibt, wenn wieder längerer Besuch kommt, und der Herr hat seinen Fernsehsessel in eine ruhigere Ecke der Wohnung gestellt. Zu besonderen Gelegenheiten lädt die Familie ihren Nachbarn jetzt auch ein.
 
Wenn die zweite Partei nicht bereit ist zu einer Mediation, bietet das Zentrum eine Konfliktberatung an. Denn man selbst kann sehr viel dazu beitragen, dass ein Streit nicht weiter eskaliert. Oft sind es schon kleine Dinge, die helfen, die Situation zu entschärfen. Zum Beispiel einen Brief zu schreiben, oder sein Verhalten gegenüber dem anderen zu ändern. Vielleicht werden die ehemaligen Streitpartner dann nicht die besten Freunde, aber das Zusammenleben wird wieder erträglich.
 
Obwohl Mediation in den letzten Jahren bekannter und für viele zu einem Begriff geworden ist, ist die Hemmschwelle, dieses Verfahren der Streitschlichtung für sich selbst in Betracht zu ziehen, immer noch relativ hoch. „Wir merken das immer noch, dass ein wichtiger Teil unserer Arbeit darin besteht, das Ganze bekannt zu machen“, sagt Christa Schäfer. Viele kommen auf Empfehlung von Dritten zum Mediationszentrum, auch die Polizei und andere Einrichtungen im Kiez verweisen bei Streitfällen gern auf das Projekt.
 
Der Trend ist also positiv, und Christa Schäfer ist sicher, dass Mediation in Zukunft eine wichtigere Rolle in der Gesellschaft spielen wird: „Ich denke, dass dieses Verfahren der Konfliktbearbeitung immer populärer wird, weil immer mehr Leute es von klein auf kennenlernen. In der Schule wird jetzt ganz anders damit umgegangen als zu unserer Zeit, es gibt viele Konfliktlotsen, und die werden das Ganze ja auch weitertragen“.
 
Informationen unter:

www.mediationszentrum-berlin.de
www.mediation-berlin-blog.de