„Die größten Satiriker Ostdeutschlands veröffentlichen bei uns“
Eulenspiegel Verlag
von Dieter Hunziger, 28.Juni 2010
Humor, Mode, Sport, Kulturgeschichte und vieles mehr – die ostdeutsche Eulenspiegel Verlagsgruppe mit Sitz in der Mitte Berlins setzt sich mit der Kultur der DDR auseinander und gestaltet deutsche Kultur von heute mit.
Der „Eulenspiegel Verlag“ und die Verlage „Neues Leben“ und „Das Neue Berlin“ hatten sich nach 1990 zusammengeschlossen. Im Interview mit „Spreeblitz“ (SB) gewährt die Presse- und Veranstaltungsleiterin Simone Uthleb einen Blick hinter die Kulissen.
SB:
Frau Uthleb, die Eulenspiegel Verlagsgruppe hat in den 90er Jahren von der Treuhand den bedeutendsten Satire-Verlag der damaligen DDR übernommen. In den letzten Jahren wurde daraus eine Verlagsgruppe, unter deren Dach zahlreiche Verlage ihren Platz fanden. Warum sind es so viele?
Wir bieten unseren Lesern eine riesige Bandbreite an Themen an, möchten diese aber strukturierter und übersichtlicher präsentieren, deshalb die zahlreichen Verlage. Der „Eulenspiegel Verlag“ steht für Satire, im Verlag „Das Neue Berlin“ bringen wir Biografien, politische Sachbücher, Berlinliteratur und Bildbände wie „Schön nackt. Aktfotografie in der DDR“ heraus.
Jugendbuchliteratur sowie aktuelle politisch-historische Sachbücher veröffentlichen wir in dem größten ehemaligen DDR-Belletristik-Verlag „Neues Leben“. Der traditionelle „Rotbuch Verlag“, der be-reits 1973 gegründet wurde und seit 2007 zur Ver-lagsgruppe gehört, wird von Belletristik, Sachbuch- und Kriminalliteratur geprägt. Des weiteren haben wir im Frühjahr den Kalender-Verlag „Bild und Heimat“ gekauft und den „Eulenspiegel Kinderbuchverlag“ sowie den „Aurora Verlag“ gegründet. In letzterem veröffentlichen wir die Werke des großen Dramatikers Peter Hacks, die in unserem Besitz sind und die wir somit der Öffentlichkeit zugänglich machen.
SB:
Wollen Sie Peter Hacks damit eine besondere Ehre zuteil werden lassen, wenn Sie ihm mit dem „Aurora Verlag“ einen Extra-Verlag für die Publikationen seiner Werke widmen?
Ja, unbedingt. Aber es geht nicht um die Ehre allein. Im weiten Spektrum von Ver-lagen, die sich theoretisch-wissenschaft-lichen Schriften oder Studienausgaben widmen, sind Hacks bzw. seine Positionen zu einer „sozialistischen Klassik“ nicht vertreten. Das machen wir nun, und zwar ziemlich intensiv. Freunde, Kollegen, Weggefährten von Hacks werden da einbezogen. Und Stück für Stück erscheinen daneben auch seine Werke in (erstmals) gut kommentierten und preiswerten Ausgaben.
SB:
Die thematische Bandbreite Ihres Verlagsprogramms ist sehr groß. Mit dem Sportbuch „Vancouver 2010“ wagten Sie sich auch auf das hart umkämpfte Feld von aktuellen Buch-Titeln, die bereits wenige Tage nach sportlichen Großveranstaltungen erscheinen. Das „Fußball-WM Buch 2010“ wird das nächste sein. Wie war die Resonanz auf Vancouver, was erwarten Sie sich von dem Fußball-WM Buch?
Die Sportbücher bringen wir seit 2000 zu allen großen Sportereignissen auf den Markt. Natürlich wollen wir immer die schnellsten und besten sein, was uns auch oft gelingt. Das Buch zur Fußball-WM Südafrika 2010 wird bereits am 16. Juli in den Geschäften liegen. Das ist jedesmal eine organisatorische und journalistische Herausforderung. Wenn das Buch, noch nach Farbe riechend, frisch aus der Druckerei kommt, fällt allen ein Stein vom Herzen. Das WM-Buch wird diesmal von der zweifachen Fußball-Weltmeisterin Birgit Prinz herausgegeben, da wir im Buch ein Kapitel der Frauenfußball-WM 2011 widmen werden.
SB:
Satire und Humor stellen das Gros Ihrer Verlagstitel. Eine Buchreihe trägt den Namen „Sternstunden des DDR-Humors“. Was ist denn Ihre ganz persönliche Sternstunde dieses DDR-Humors?
Als Kind – ich komme aus der ehemaligen DDR - habe ich die Sketche von Helga Hahnemann geliebt. Der Sketch „Traudl Schulze“ wurde übrigens dieser Tage von der ARD als einer der lustigsten Sketche deutschlandweit gekürt. Mein Favorit aus der Reihe „Sternstunden des DDR-Humors“ ist „Wenn Mutti früh zur Arbeit geht“. Diese Chronik befasst sich mit den Jahren 1959 bis 1960 - im Fernsehen starteten zu dieser Zeit gleich zwei „Sternstunden“ ganz unterschiedlicher Art: das „Sandmännchen“ mit höchster Einschaltquote und Karl-Eduard von Schnitzlers „Schwarzer Kanal“.
SB:
Das Buch über die Mode in der DDR ist Ihr aktueller Hit. Sie erhielten dazu sogar Modeartikel aus DDR-Zeiten ins Haus geliefert. Wie erklären Sie sich das riesige Interesse gerade bei diesem Thema?
Zu all diesen vielen Themen überlegen wir Pressemädels uns natürlich , wie wir am geschicktesten an die Öffentlichkeit gelangen können. Beim Modebuch haben wir zahlreiche im Osten Deutschlans erscheinende Tageszeitungen gebeten einen Aufruf von uns abzudrucken: „ Der Eulenspiegel-Verlag will DDR-Mode-Erinnerungen als Buch präsentieren. Dafür sucht er Fotos und Geschichten.“ Wir ahnten im Vorfeld nicht, was für eine Modelawine wir lostreten würden. Wir bekamen Erlebnisse, lustige Geschichten, sogar selbstgenähte Kleider und Accessoires schmückten nach dem Aufruf unser Pressebüro.
Im Herbst werden wir ein Buch über „Autos in der DDR“ herausbringen, da haben wir schon zahlreiche Kontakte zu ehemaligen MZ und Trabi-Entwicklern geknüpft. Ein Zeitungsaufruf wird hier wohl eher nicht infrage kommen, denn für Autos oder Ersatzteile haben wir dann doch zu wenig Platz in unserem Pressebüro!
SB:
Außer gedruckten Büchern haben Sie auch Hörbücher im Programm. Zum Beispiel „Frau Wirtin hatte einen Knecht“. Untertitel: „Wie unsere Großeltern ferkelten.“ Mehr als 40.000 Stück sollen davon bereits verkauft sein. Wandelt Eulenspiegel künftig verstärkt auf den flachen Kulturgewässern, weil sich mit dieser Art von Unterhaltung mehr Geld verdienen läßt?
Geld verdienen müssen wir alle, - aber unsere Erotik (Hör)Bücher haben nichts mit Schund- und Schmutzliteratur zu tun. Ganz im Gegenteil: Erotikliteratur gehört zu unserer Kulturgeschichte. Es ist ja hinreichend bekannt, dass wir Ostdeutschen zur Sexualität
im Allgemeinen eine offenere Einstellung hatten. Mit Bildbänden über Aktfotografie hatten wir wohl auch deshalb bisher immer großen Zuspruch. An diese Tradition werden wir im Herbst anknüpfen mit dem Buch „Aktfotografien 1953-2010“ von Günter Rössler, dem renommiertesten Aktfotografen Ostdeutschlands, dessen fotografisches Lebenswerk in solchem Umfang erstmalig erscheinen wird.
SB:
Was kann man von der Eulenspiegel Verlagsgruppe in den nächsten Jahren erwarten?
Wir werden politisch bleiben, weiterhin auf aktuelle Ereignisse reagieren und uns thematisch verstärkt jüngeren Lesern widmen. Wir möchten kein DDR-Ramschkaufhaus werden, sondern auf selbstbewusste Weise, neben allem anderen, die kulturellen Werte der DDR in Erinnerung halten.
Der Eulenspiegel-Verlag hat uns für drei Schnellentschlossene ihren derzeitigen Renner „Das große DDR-Modebuch“ zur Verfügung gestellt. Die ersten drei E-Mail-Sender (an redaktion@spreeblitz.de) erhalten je einen der grandiosen Fotobände.




